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Piano Plus - Rezensionen


Piano Plus: Melodisch, melancholisch, direkt
Hans Lüdemann und Reiner Winterschladen im riesa efau
(Mathias Bäumel, Dresdner Neueste Nachrichten, 31. März 00)

"....Winterschladen stellte wieder einmal unter Beweis, daß er zu den künstlerisch ausdrucksstärksten Trompetern der Gegenwart zählt. Seine Fähigkeit, mit dynamischem Spiel jede Nuance auf einer denkbaren Ausdrucksskala zu gestalten, ist frappierend. Verschliffene Töne, strahlenartige Straight-Ahead-Motive, hauchige, zarte melancholische Melodielinien, feste, volle Trompetensounds - und all dies mit einfallsreichen, in sich verschlungenen, sehr melodisch wirkenden improvisierten Linien! Lüdemann, der sich als Komponist häufig von afrikanischer Musik inspirieren ließ, baute seine Stücke auf zwei ästhetischen Pfeilern auf: Zum einen auf Wiederholung und Variation im Sinne der minimal music, zum anderen auf rockige und funky Rhythmen. Lüdemann schaffte es häufig, durch zeitlich-rhythmische Verschiebungen von Motiven und Themen Spannung zu erzeugen, die Musik dichter und strukturell vielschichtiger zu formulieren, im Einzelfall entging er aber nicht vollständig der Gefahr, die Wiederholungen in sich bergen - wie Belanglosigkeiten vermeiden und konzentrierte Ideen gestalten? Die Bandbreite des Konzertes hinsichtlich Flair und Stilistik war immens, reichte von Chet-Baker-artiger Musiklyrik über Armstrong-Euphorie bis zu Miles-Davis-Glanz, und dennoch schafften die beiden Musiker es, durchgängig eine Atmosphäre des konzentrierten, entspannt lyrischen und auch humorvollen Musizierens zu erzeugen. Vielleicht wirkten die balladesk-ruhigen, langsamen Stücke noch intensiver als die tänzerisch schnellen mit afrikanischem oder balkanischem Einschlag - vielleicht auch nur deshalb, weil man gerade in jüngster Zeit von letzterem schon viel gehört hat. Immer wieder ging mir der Gedanke durch den Kopf, wie gut sich wohl eine querdenkerische Version des Gloomy Sunday-Songs, gespielt von Lüdemann und Winterschladen anhören müßte... Denn die dichtesten, berührendsten Momente in der Musik der beiden waren wohl bei jenen Stücken zu spüren, die eine einprägsame Melodik mit einem Hauch von Melancholie und mit Direktheit in der Improvisation miteinander verbanden."


Die Freiheit der Zweisamkeit
Pianist Hans Lüdemann und Trompeter Reiner Winterschladen im Bunker Ulmenwall
(Eckart Schönlau, Neue Westfälische, 8. April 00)

"...Der geheimnisvolle Ruf lautet das erste, an diesem Abend gespielte Stück. Lüdemann hatte es vorher, in teils zehnköpfiger Besetzung mit seiner Band Futurism, schon mehrmals hier im Bunker gespielt. Immer wieder auf andere Weise interpretiert, scheint es sein Eröffnungsstück bei jedem Konzert zu sein. Es beginnt diesmal mit manipulierten Klavierklängen, leisen gedämpften Trompetentönen und Geräuschen und ist anfangs nicht wieder zu erkennen. Beide Musiker nutzen die Freiheit des Duos maximal aus, halten sich weniger an (wie in großen Bands erforderliche) vorgegebene Strukturen, und erfinden und kombinieren ihre Musik dabei immer wieder neu. In dieser Atmosphäre zeigt sich, wie Spannung, gerade an den leisesten Stellen, am intensivsten sein kann.... Reiner Winterschladen entfaltet seinen extrem wandelbaren Trompeten-Sound in alle möglichen Richtungen:...gehaucht, perkussiv, verrauscht, warm oder in grellen Strahlen. Trompeter von Weltrang, mit atemberaubender Virtuosität. Es gibt selten Pianisten die beim Spielen Entspanntheit und Disziplin auf solche Art miteinander verbinden und dabei solche Virtuosität und Spielfreude entfalten, die auch noch in die Tiefe geht. Der Alleskönner Lüdemann ist so einer. War er bisher im Bunker als dirigierender Leiter eines großen Ensembles aufgefallen, als Komponist und Virtuose, so zeigt er diesmal seine Qualitäten als Kammermusiker...."


Lüdemann/Winterschladen

Hans Lüdemann und Reiner Winterschladen am 30.März in Eberswalde


Choleriker trifft Philosophen
Johannes Bauer und Fred van Hove im Bunker Ulmenwall
(Eckart Schönlau, Neue Westfälische, 4. 5. 00)

"Ein Musikinstrument kann verblüffende Ähnlichkeit mit einer Prothese haben. Besonders bei Bläsern der frei improvisierten Musik. Für Johannes Bauer scheint die Posaune wie eine Sprechhilfe zu sein, die Lippen und Stimme bei ihrem unmittelbaren Ausdruck unterstützt. Ein Sprechrohr, durch das Schreie, Töne, Geräusche herausgeblasen werden. Das klingt mal wie der Ruf eines Schwans, mal wie ein Flugzeugmotor, eine menschliche Stimme - und manchmal halt auch wie eine ganz gewöhnliche Posaune. Doch diese Überschreitungen, bei denen er die Grenzen seines Instrumentes weit hinter sich läßt, scheinen ihm immer noch nicht weit genug zu gehen. So wirkt es jedenfalls, wenn man erlebt, wie er mitten im Spiel plötzlich das Mundstück abrupt zur Seite reißt, weil die Klangvorstellungen in seinem Kopf vermutlich trotz aller Instrumentenbeherrschung immer noch das Machbare übertreffen. Johannes Bauer ist ein Energie-Spieler: Je mehr er in Rage kommt, um so weiter steigert er sich hoch. Gerade wenn man annimmt, der absolute Höhepunkt sei erreicht, man keine Steigerung mehr für möglich hält, kann Bauer noch Reserven freisetzen und das Vorangegangene in den Schatten stellen. Das kann sich über einen langen Zeitraum erstrecken. Der enorme Druck, den er während seines Spiels herausläßt, ist aber immer schon vom ersten Ton an vorhanden. selbst wenn er leise anfängt, beginnt er sogleich, sich auszudehnen. Ein kraftvolles Spiel mit vielen Noten und einer Hektik, die keine wirklich ruhigen Stellen zuläßt, auch wenn es leise gespielt ist. Mit seiner ernsten und schweren Spielart setzt der Pianist Fred van Hove den musikalischen Gegenpart bei diesem Konzert im Bunker Ulmenwall. Er schafft schwere dichte Klangfächen, mit gezielt gesetzten Tonballungen, greift dabei auch zeitweise ins Innere des Flügels, benutzt Werkzeuge, um den Klang des Instruments zu manipulieren. Manchmal bewegen sich seine Hände wie ein flatterndes Tuch über die Tasten, erzeugen schnelle Läufe und Cluster von eigenartigem Charakter. Wie ein kontrolliertes Chaos, das an die Bewegung von Molekülen erinnert. An anderer Stelle wirkt sein Anschlag so, als würde eine Flüssigkeit über Tastatur und Saiten gegossen, verdunsten und einen Nebel subtiler Klänge verbreiten. Über diesem wellenförmigen Auf- und Abgehen des Klaviers tanzt Johannes Bauer mit der Posaune in seiner cholerischen Spielweise. Jeder der beiden Musiker bleibt bei seinem eigenen musikalischen Material. Und trotzdem harmonieren beide auf geniale Weise. Ein gegenseitiges Annähern und Hochschaukeln, bei dem der meist subtil spielende Fred van Hove auch mal mit der gleichen Kraft und Energie wie bei Johannes Bauer hervorschießen kann. Dies radikal improvisierte Konzert beschloß die dreiteilige Reihe "Piano Plus".


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